Mittsommerkino 2019

Der Ewaldshof zeigt vom 19. Juni bis 27. Juni an sieben Abenden überwiegend dokumentarische Filme und ein Hörspiel. Dabei sind Protagonist*innen oder andere Beteiligte der Filmproduktion oder -rezeption anwesend, mit denen im Anschluss ein Publikumsgespräch stattfindet. Wir konnten nationale und internationale DarstellerInnen, RegisseurInnen, Künstler sowie eine Forscherin gewinnen, an den Filmvorführungen teilzunehmen und ihre Perspektive und Expertise in die Diskussion einzubringen.

Seit seiner Gründung bietet der Ewaldshof einer Öffentlichkeit den Raum, in Workshops, zu Vorträgen oder zu Publikumsgesprächen zusammen zu kommen, um sich in einem informellen, aber durchaus professionalisierten Rahmen zu bestimmten Themen auszutauschen. Auf diese etablierte Diskussionskultur wollen wir mit der Mittsommerfilmreihe aufbauen. Wir möchten Raum dafür geben, dass das Publikum das Gesehene reflektiert, und die Gelegenheit erhält, mit den Betroffenen oder Filmschaffenden ins Gespräch zu kommen. Gerade deswegen haben wir durchaus kontroverse Themen ausgewählt. Insbesondere im Themenbereich Sexarbeit und in Bezug auf den Film Touch me not, der nicht-normkonforme Körperlichkeiten und ihr Verhältnis zu Intimität darstellt, ist das ein Austausch, der nicht häufig passiert oder begünstigt wird.

Für die Veranstaltung ist ein Eintrittsgeld nach eigenem Ermessen zu zahlen.

Karten können online vorbestellt werden.

Programm

Trailershow

Programmheft

Mittsommerkino 2019 Ewaldshof

Touch me Not – Mi. 19. Juni 20h

Adina Pintilie
2018
Deutschland, Rumänien, Tschechien, Bulgarien, Frankreich
FSK 16

Der halbdokumentarische Film portraitiert drei Personen bei ihrer Erforschung von Intimität. Eine Besonderheit des Films ist, dass er Raum gibt für Körper und für Begehren, die nicht normkonform sind und in der medialen Darstellung des Erotischen kaum Sichtbarkeit und Aufmerksamkeit erfahren. Christian sitzt im Rollstuhl und möchte an seinem aktiven Part beim Sex arbeiten, Laura sucht einen Weg, mit ihrer Asexualität umzugehen und Tómas, der als junger Teenager seine Haare verlor, kommt in Berührung mit seinen unterdrückten Gefühlen. In Berührungsgruppen, Callboy-Sessions, im Sex Club oder in intimen persönlichen Begegnungen erkunden die Charaktere, was Intimität ist und was es bedeutet, ein sexuelles Wesen zu sein.

Gewinner der Goldenen Bären auf der Berlinale 2018.

Christian Bayerlein und Grit Uhleman, Protagonist*innen des Films, werden anschließend mit dem Publikum diskutieren.

 

Violently Happy – Do. 20. Juni 20h

Paola Calvo
2017
Deutschland
FSK 18

Der Dokumentarfilm begleitet eine Gruppe von Menschen in Berlin, die gemeinsam nach alternativen Weisen zu leben und zu lieben suchen. Dabei hat die Erforschung von Lust, Schmerz und sexuellen Fantasien einen hohen Stellenwert für die Personen um die Kulturarbeiterin Mara Morgan und den ehemaligen Tänzer und Choreographen Felix Ruckert. Schmerzen werden nicht als zu vermeidende Nachteile des Körperlichen verstanden, sondern in ihren Facetten erkundet und in ihrem Potential dargestellt Verbindung zu sich selbst und zu anderen herzustellen. Es gibt sowohl explizite Szenen als auch meditative Ruhe. Der Film ist lebendig, indem er eine Selbsterforschung zeigt, die immer auch riskant ist – für die Forschenden sowie für die Betrachter.

Jana Scherle, eine Protagonistin des Films, wird die anschließende Filmdiskussion unterstützen.

 

 

 

Warpop Mix Tape Fakebook VolxFuck Peace Off! – Fr. 21. Juni 18h30

andcompany&Co
2016
Deutschland
West Deutscher Rundfunk

andcompany&Co reflektieren die deutsche Gegenwartspanik mit Blick auf Terror, Islamismus, Flüchtlingskrise und Klimakatastrophe vor dem Hintergrund Kalter-Krieg-Weltuntergangsszenarien aus den 80er Jahren. Zentrum der Überlegungen ist die Massenbekenntnis Wir haben Angst! Inwiefern formiert sich aus Sorgen, Angst, Panik und Paranoia eine selbsterklärte Friedensbewegung, die das Wir vom Anderen trennt und die den europäischen Patriotismus aufflammen lässt? Was macht eine Gesellschaft, deren Angst grundlegende Existenzbedingen betrifft und die die Wiederkehr des Verdrängten erlebt: unsichtbaren Bedrohungen, Aufrüstung und ein Weltende nextdoor?

Regisseur Sascha Sulimma wird die anschließende Diskussion unterstützen.

 

Here to be Heard – Fr. 21. Juni 20h

William E. Badgley
2018
Vereinigtes Königreich von Großbrittanien und Nordirland

Der Dokumentarfilm handelt von der Geschichte der vollends weiblich besetzten, britischen Punkband The Slits sowie von dem Leben der involvierten Frauen. Kein Bock auf Grenzen im Geschlechtlichen, im Musikalischen oder in der Zeitperiode! Kein Bock auf Form! Die erzählte Zeit des Films beginnt mit der Bandgründung 1976 und endet mit dem Tod der Sängerin Ari Up 2010. Vor ihrem Tod arbeitete Ari zusammen mit ihrer Freundin und der The Slits Tourmanagerin Jennifer Shagawat an dem Dokumentarfilm über die Band, den Jennifer letztlich zusammen mit einem Freund zu Ende brachte.

Anna Schulte, die letzte Schlagzeugerin der Band, wird die anschließende Diskussion unterstützen.

 

 

 

 

crossings –  Sa. 22. Juni 20h

stories of migrant sex workers

Istvan Takcs Gabor, Peter Sarose
2019
Serbien, Frankreich, Norwegen, Ukraine, Spanien

Der von Sexarbeitenden produzierte Dokumentarfilm crossings präsentiert die selbstbewusste Perspektive von Sexarbeitenden aus fünf verschiedenen europäischen Ländern: Serbien, Mazedonien, Frankreich, Spanien und Norwegen. Er thematisiert die Folgen der Kriminalisierung von Sexarbeit und den kraftvollen Widerstand der Sexarbeitenden gegen rechtliche Benachteiligung und soziale Stigmata. Indem die porträtierten Personen ihre Perspektiven als Frauen, Männer, Mirgrant*innen, LGBT-Personen, alleinerziehende Mütter , Muslima, Roma, und Sexarbeitenden einbringen, fordern sie die einseitige skandal-orientierte Darstellung der Sexarbeit heraus, innerhalb derer sie stets nur als Opfer adressiert werden. Crossings präsentiert einen kritischen Blick auf Vorurteile gegenüber Sexarbeit, die Hand in Hand gehen mit Vorurteilen gegenüber anderen marginalisierten Gruppen, Populismus und wachsender Fremdenfeindlichkeit in Europa.

Anschließend findet eine Diskussion statt mit Sonja Dolinsek, die an der Uni Erfurt zum Thema Frauenhandel, Sklaverei und Sexarbeit forscht, und mit Fabienne Freymadl vom Berufsverband erotische und sexuelle Dienstleistungen e. V.

 

Searching Eva – Mi. 26. Juni 20h

Pia Hellenthal
2019
Deutschland
FSK 16

Sexualität und Körperlichkeit sind Gegenstände des Privaten – oder etwa nicht? Der Dokumentarfilm Searching Eva setzt dem Common Sense der Privatheit eine junge italienische Frau gegenüber, die sich früh dazu entschieden hat ihr Leben online zu stellen und seitdem zur Internet Persona avancierte. Als Untergrundikone der Bloggerwelt lässt die mittlerweile Anfang zwanzig jährige Eva die Öffentlichkeit an ihrem Aufwachsen, an ihrem Leben als feministische Sexarbeiterin und als anarchische Vagabundin teilhaben, und provoziert damit vor allem Fragen: Was macht eine Person authentisch? Ist der Eindruck, ein Privatleben zu haben, nicht eine Täuschung einer Gesellschaft, die noch versucht, gegen die mediale Durchdringung der letzten Bastion der Intimsphäre anzukämpfen? Kann die Offenlegung des Privaten im Rahmen einer Dokumentation den unverstellten Blick leisten, auf dessen Grundlage Meinungsbildung ungesteuert stattfinden kann? Der Film sagt: Sieh hin, sieh mich an! Doch was sehe ich?

Eva Collé, die Protagonistin des Films, wird zur anschließenden Diskussion anwesend sein.

 

 

Sexarbeiterin – Do. 27. Juni 20h

Sobo Swobodnik
2016
Deutschland
FSK 16

Der Dokumentarfilm zeigt die marginalisierte Gruppe von Sexarbeitenden, die freiwillig, selbstständig und professionalisiert der Sexarbeit nachgehen. Dabei thematisiert er die aktual-politische Rechtssituation von Sexarbeitenden sowie die Rolle von Sexarbeit in der Gesellschaft. Abseits von Klischees drogensüchtiger, zwangsprostituierter und missbrauchter Personen begleitet der Film die studierte Informatikerin und Berliner Sexarbeiterin Lena Morgenroth in ihrem Alltag. Lena entschied sich gegen eine Karriere im Studienfach und machte sich nach Erfahrungen in Bordellen und SM-Studios mit erotischen Massagen, BDSM und bizarrer Erotik selbstständig. Der Film portraitiert eine junge Frau Mitte dreißig im Kontext ihrer Familie, von Freunden und Partnerschaften sowie als Coach zu sexuellen Themen und als Teil einer selbstbewussten politischen Bewegung selbstbestimmter Sexarbeitenden.

Lena Morgenroth, die Protagonistin des Films, wird die anschließende Diskussion unterstützen.

Sonnenaufgang – Lied von zwei Menschen – Fr. 28. Juni 18:30

Bild: Friedrich Wilhelm Murnau, 1927
Ton: Benedikt Kuhn (Balduin), 2018
USA
FSK 6

Der Stummfilmklassiker Friedrich Murnau’s setzt die alte Liebe vom Lande der Bedrohung der neuen, urbanen Liebe aus. Vor dem Hintergrund der lebendigen Großstadt malt der Film das Bild zwei sich wiederentdeckender Liebenden, die in ihrem Versuch zu sich nach Hause zu kommen von Zufällen herausgefordert werden. Murnaus erster amerikanischer Film besingt die romantische Liebe und skizziert Freuden und Leiden des Ehelebens.

Der in Hanau ansässige Benedikt Kuhn komponierte im Auftrag der Stadt Offenbach eine Filmmusik, die während der Vorführung von ihm live aufgeführt werden wird.